Last Cathedral​

Veröffentlicht am Mi., 16. Mär. 2016 14:05 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Florian Werner
Letzte Kathedrale: Das klingt nach Apokalypse, Untergang. Welche Diözese wird von hier aus regiert? Muss man einer bestimmten Konfession oder Subkultur angehören, um hier Einlass zu finden? Seit Jahren bin ich an dem Etablissement in der Schönhauser Allee vorübergegangen, hineingetraut habe ich mich noch nie - bis heute. Zur Unterstützung habe ich zwei Freunde mitgebracht, nennen wir sie Henoch und Elia, die dem gastronomischen Genre der Horror-Rock-Kneipeallerdings ebenso angstvoll gegenüber stehen wie ich. „Wollen wir nicht lieber ins Schwarz-Sauer?“ Ach was, wir gehen da jetzt rein.

Wer in der Last Cathedral huldigen möchte, muss erst einmal in den Abgrund: Hinter dem Eingang führt Wendeltreppe nach unten, ein halbmeterlanger gusseiserner Phallus krönt das Geländer, rechter Hand hängt eine Reihe von Grabsteinen. Die musikalische Untermalung fügt sich harmonisch ins thanatophile Ambiente, es läuft ein Song der Metal-Band System of a Down, zu Gitarrengewittern zitiert der Sänger aus den Sieben letzten Worten Jesu Christi am Kreuz: „Father, into your hands I commend my spirit / why have you forsaken me?“. Von Gott und allen guten Geistern verlassen steigen wir hinab.

Ein schlauchförmiger Raum, von Kerzen erhellt, Kindersärge als Tische - wir setzen uns lieber an die Bar. Die Bedienung starrt Elia mit weit aufgerissenen Augen an, brüllt über den Tresen: „Ich kenn Dich!“ Bitte? „Ich hab Dich bei Aspekte gesehen!“ In der Tat, Elia war unlängst in der Sendung zu Gast - großes Hallo, Henoch ordert eine Runde Bier. Die Tatsache, dass das Servicepersonal hier öffentlich-rechtliche Kultursendungen guckt, lässt die Spannung von uns abfallen.

Die Musik ist ohrenbetäubend, Gespräche schwierig, sodass ich in Ruhe die Innenausstattung betrachten kann. Über unseren Köpfen ein gigantischer Kronleuchter, auf den Ex-Bischof Tebartz-van Elst neidisch sein dürfte. An den Wänden überlebensgroße Bemalungen: Luzifer, der im freien Fall vom ErzengelMichael niedergerungen wird. Zwei nackte Frauen, von Knochenmannhänden liebevoll umfasst - es handelt sich um vergrößerte Nachbildungen von Hans Baldung Griens „Der Tod und das Weib“ sowie „Der Tod und das Mädchen“. Hinter dem Tresen grinsen Schädel, Chimären und Teufelsköpfe. Schließlich, zwischen den Spirituosenflaschen, in einer bauchigen Glasflasche … sind das etwa Augäpfel?! „Und ein Herz“, lacht die freundliche Tresenkraft und dreht die Buddel ins rechte Licht. „Das ist Kunst.“ Darauf erst mal einen Absinth.

Natürlich nehmen wir die Sorte mit 66 Volumenprozent Alkohol, in Gedenken an das famose Weltklage-Sonnet Nummer 66 von Shakespeare, das wiederum an die notorische Kennziffer des Antichristen aus der Johannes-Apokalypse gemahnt: „Hier ist Weisheit. Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl istsechshundertsechsundsechzig.“ Inzwischen läuft ein Song der Gruppe Nine Inch Nails, die sich nach der mutmaßlichen Länge der Nägel benannt hat, mit denen der Erlöser ans Kreuz geschlagen wurde.

Letzter halbwegs klarer Gedanke, bevor die Grüne Fee ihre Wirkung entfaltet: Gerade in der Parodie und Negation, im Kokettieren mit Satanismus und Amoralität, sind christliche Moral, Kultur und Ikonographie felsenfest aufgehoben. Ausgerechnet in der Last Cathedral, wo dem Namen nach das Ende der Kirche eingeläutet werden soll, ist das Christentum alive and kicking. Als wir Stunden später durch die Tür nach draußen schweben, sind wir voller Hoffnung.


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