8. Mai: Gedenken im Treptower Park

Veröffentlicht am Mo., 2. Mai. 2016 16:32 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Ulrike Trautwein

Vor einem Jahr sind mein Mann und ich eher zufällig auf dem Gelände des sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park gelandet. Anfangs begriffen wir gar nicht so richtig, wo wir waren. Ich kam mir vor wie aus der Zeit gefallen, versetzt in die Jahre des real existierenden Sozialismus. So monumental, so heldenreal lag die ganze Anlage vor mir. Sie erinnert an die 80.000 sowjetischen Soldaten, die bei der Eroberung Berlins gefallen sind. 7000 von ihnen wurden hier bestatten.

Zu DDR-Zeiten gehörte dieser Ort selbstverständlich zur Erinnerungskultur dazu. In fast jedem Schulbuch, so erzählte mir eine Kollegin, die in der DDR aufgewachsen ist, war ein Bild des zentralen Monuments abgebildet: das 30 Meter hohe Standbild eines sowjetischen Soldaten, der unter seinen Stiefeln das Hakenkreuz zertritt und auf seinem Arm ein Kind trägt.

Bei allem Respekt vor dem Gedenken und den vielen toten Soldaten, die hier begraben liegen, mir kam diese überdimensionierte Figur befremdlich vor. Angesichts der Gräuel des Krieges tue ich mich schwer mit solchen „Heldenbildern“, die ohne jede Brechung wenig menschlich wirken.

Einige Tage später war ich im Abgeordnetenhaus eingeladen zur Feier des 70- jährigen Kriegsendes. Eine alte Dame ging ans Pult und erzählte von ihrem Kriegsende. Sie war damals ein
kleines achtjähriges jüdisches Mädchen, versteckt hinter einem Holzverschlag in einem Berliner Wohnhauskeller. Mutterseelenallein war sie dort eingesperrt, in den letzten Kriegstagen nur noch spärlich versorgt durch einige Hausbewohner. Und dann wurde plötzlich ihr Verschlag aufgerissen, russische Soldaten hatten sie entdeckt. Bevor sie Angst bekommen konnte, hielten sie ihr bereits Fotos von ihren eigenen Kindern entgegen. Und einer der Soldaten nahm sie sofort auf den Arm! Das war der Augenblick ihrer Erlösung, tief eingegraben in ihr Leben bis heute - im
Abgeordnetenhaus war es ganz still.

In diesem Moment bekam dieser große überdimensionierte, martialisch wirkende Soldat dort im Treptower Park für mich menschliche Züge.

Foto: Antoinevandermeer / common.wikimedia

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