Ein Raum aus Licht und Farbe

Veröffentlicht am Fr., 16. Sep. 2016 11:42 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Hannes Langbein

Violett, türkis, blau – blau-orange, orange-purpur, purpur-grün, grün-gelb, gelb-orange, orange-rot, rot-pink, pink-lindgrün... – Das Farbenspiel hört nicht auf. Beinahe unmerklich wechseln die Farbtöne. Ebben und Schwellen. Gehen ineinander über. Und füllen den Raum. Woher kommen die Farben? Von den Wänden? Aus der Mitte des Raumes. Es ist als ob man die Farben mit Händen greifen könnte. Draußen wird es dunkel. Wo bin ich?

Ich bin in der Friedhofskapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Berlin Stadtmitte. Der Friedhof, der mit Gräbern von Karl Friedrich Schinkel, Bertolt Brecht und Christa Wolf sonst als Prominentenfriedhof bekannt ist, hat seit Juli 2015 eine neue Sehenswürdigkeit: Eine Friedhofskapelle, die zugleich eine Lichtskulptur ist, seit sie der US-amerikanische Lichtkünstler James Turrell in einen farbigen Lichtraum verwandelt hat.

Der 1943 in eine kalifornische Quäkerfamilie geborene Turrell ist sonst in der Wüste Arizonas unterwegs: Spätestens seit der studierte Psychologe und Mathematiker in der Wüste Arizonas einen erloschenen Vulkan, den sogenannten „Roden Crater“, zu einem Himmels- und Lichtobservatorium ausbaute, ist Turrell weltberühmt. Es folgten Lichträume und Lichtinstallationen in der ganzen Welt. 2015 gestaltete er auf Einladung des Evangelischen Friedhofsverbands Berlin Stadtmitte und auf Anregung des Kunstbeauftragten der EKBO die Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs.

Seither ist die Kapelle ein Abschiedsraum der besonderen Art: Ein Raum für das letzte Geleit der Toten: schlicht und unaufdringlich, auf das Wesentliche konzentriert in seiner architektonischen Gestalt. Ein Andachtsraum, der – gekoppelt mit den Lichtverhältnissen der Dämmerung – die Sinne in eine besondere Weite lockt, wenn sich die Grenzen des Raumes im Farb- und Lichtschein aufzulösen scheinen. Und ein Kunstraum, der Menschen aus aller Welt mit außergewöhnlichen Lichterfahrungen auf den Dorotheenstädtischen Friedhof lockt.


Am 03. Dezember tritt der Lichtraum selbst in den Fokus, wenn Schauspieler, Theologinnen, Philosophen und Kulturwissenschaftler „in der Farbe gehen“, also ihre Erfahrungen mit Turrells Lichtraum zu Gehör bringen.


Chausseestraße 126
10115 Berlin

Weitere Informationen unter Stiftung St. Matthäus

Foto: Juliane Bluhm

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