Ohne Obdach

Veröffentlicht am Do., 9. Feb. 2017 08:20 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Matthias Unterwegs

Gegen drei Uhr werde ich wach. Es ist mitten in der Nacht. In der Luft liegt eine große Feuchtigkeit. Es ist eiskalt. Aus dem Bambusgebüsch, das mir zum Nachtquartier geworden ist, heraustretend sehe ich die dicken Schneeflocken. Wie komme ich durch diese Nacht? Die Zeit wird lang. Hier kann ich nicht bleiben. Ich packe die Sachen und will mich warm laufen. Dicke Schneeflocken schmelzen auf der Jacke.

Gestern bin ich aufgebrochen. Ich habe mich entschieden, zwei Monate das Leben auf der Straße zu teilen. Zurzeit lebe ich in Frankreich in der Nähe von Toulouse. Beginnen will ich mit diesem Weg in Albi. Warum kann ich nicht genau sagen. Ich folge einem inneren Impuls. Mir ist etwas unheimlich und ich habe Sorge, ob ich das aus- und durchhalte. Ich packe einen Rucksack mit Schlafsack, Isomatte, ein bisschen Wechselwäsche. Mein Zug fährt durch Toulouse. Unter einer großen Straßenbrücke sehe ich ein kleines Lager: Zelte, Matratzen, eine Feuerstelle. Da wohnen Menschen im wahrsten Sinn des Wortes unter der Brücke.

Ich werde betteln. Ohnehin will ich in den nächsten Monaten die verschiedenen Formen des Bettelns ausprobieren. Wie fühlt sich das an? Wie geht es mir damit? So schreibe ich auf ein Schild, das ich an meinem Rucksack befestige, meinen Satz „Je suis sans abri“ und stelle mich in eine Passage, die in einen Supermarkt führt, in der Hand den leeren Pappkaffeebecher vom Frühstück in der Bäckerei. Fast alle Leute schauen an mir vorbei. Die erste, die mir etwas gibt, ist eine junge Frau. Sie überreicht mir ein belegtes Baguette, eine Tüte mit zehn kleinen Milchbrötchen und eine Flasche Wasser. Nach zwei Stunden habe ich gut sechs Euro zusammen. Später werde ich erleben, dass dieses, was mir kläglich erscheint, ein veritabler Erfolg ist. Nicht immer läuft es so gut.

Fast alle sehen über mich hinweg. Zwei Frauen grüßen mich. Eine Frau ruft mich zu sich und bittet, dass ich sie die Treppe hoch begleite, dann lässt sie mich stehen. Ich glaube, das Schlimmste ist, immer wieder übersehen zu werden. Dass fast alle mir nichts geben wollen, finde ich nicht so tragisch. Doch dieses Über-einen-Hinweg-sehen, das ist schwierig. Du bist nichts.

Die Nacht ist noch lang. Mir wird bewusst, dass das Besondere dieses Weges vielleicht im Zeithaben liegt. Doch im Moment möchte ich nur, dass die Zeit vergeht. Aber es ist doch meine Lebenszeit! Kann ich mir wünschen, dass sie vergeht? Wie kann ich in der Zeit sein – auch in solchen Augenblicken?

Zwei Monate hat der Berliner Matthias Unterwegs freiwillig in Deutschland und Frankreich das Leben von Obdachlosen geteilt. Den Lebensunterhalt verdient er sich mit Betteln. Anfangs ist er jeden Tag auf der Suche nach einem neuen Quartier, später hält er sich auch länger an einem Ort auf und sucht den Kontakt zu anderen Obdachlosen, von denen er viel Solidarität und Unterstützung erfährt. Über das Leben auf der Straße schreibt Matthias Unterwegs in seinem Buch „Ohne Obdach. Leben auf der Straße“, Engelsdorfer Verlag.

Foto: Angelo Giampiccolo / fotolia


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