Größer als alle Vernunft?

Veröffentlicht am Di., 1. Sep. 2015 09:46 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Ebba Zimmermann

Golden leuchtet der Halbmond auf dem Minarett. Die Gebetsräume fassen 1.500 Gläubige und die Minarette reichen über 30 Meter in den Himmel. „Allahu Akbar“  ruft der Muezzin vom Balkon zum Gebet: Gott ist größer.

Was soll das eigentlich heißen, frage ich mich. Größer als alle Vernunft? Größer als alles, was wir denken oder uns vorstellen können? Oder doch: Unser Gott ist größer als Eurer?

 Am Rande des Tempelhofer Feldes steht die S᷂᷂ehitlik-Moschee, Berlins imposantestes muslimisches Gebetshaus. Der prächtige Kuppelbau im osmanischen Stil ist schon von Weitem zu sehen. Marmor von der Marmara Insel , handgefertigte Kacheln und kunstvoller Kalligraphieschmuck – orientalische Tradition in einer der dialogoffensten Moscheen Berlins. In acht Sprachen laden Führungen hier täglich zur Begegnung mit dem Islam.

Aber begegnen wir uns wirklich? Zur „Langen Nacht der Religionen“ war ich dort. Habe im großen Gebetsraum gesessen und zugehört, wie die anderen Besucher Fragen stellten. Was ist im Islam Sünde? Wie ist das mit dem Kopftuch? Warum beten Männer und Frauen getrennt? Ich saß, wo sonst nur die Männer sitzen, und die Erklärungen dafür blieben mir fremd.

Hinterher stand ich noch eine Zeitlang im Hof der Moschee, genoss  die laue Sommerluft, das TausendundeineNacht-Gefühl. Ein Mann bediente die Gäste, bot auch mir ein Glas türkischen Tee an. Aber ins Gespräch kam ich am Ende doch nur mit einem  Brandenburger  Pärchen. 

Warum ist es so schwer, dieses Gefühl von Fremdheit zu überwinden?

Vielleicht, weil das, was ich an diesem Abend über den Islam gehört habe, für meine Ohren  einfach ein bisschen zu unkritisch und glatt klang. Kleidungsvorschriften für die Frauen, durchweg männliche Imame, Fastenpflicht im Ramadan, gute Taten sammeln, um der Hölle zu entgehen – für alles fand unsere Moscheeführerin an diesem Abend gute Gründe.

Vielleicht aber auch einfach, weil es so ungewohnt ist, dass Menschen so eindeutig zu ihrer Religion stehen; sich schon äußerlich dazu bekennen. Und  ihnen Zweifel im Glauben - ganz anders als mir  - völlig unbekannt zu sein scheinen.

Vielleicht braucht es auch nur mehr Mut. Mehr Entschlossenheit, aufeinander zuzugehen. Beharrlicheres Nachfragen, auch da, wo ich eigentlich lieber den Mund halten würde. Aus Sorge, falsch verstanden zu werden.

Die nächste „Lange Nacht der Religionen“ findet 2016 statt. Führungen in der S᷂᷂ehitlik-Moschee werden das ganze Jahr über angeboten. Buchung unter: www.moscheeteam.de