Wie der Tod in unsere Familie kam

Veröffentlicht am Mo., 16. Nov. 2015 09:00 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Cornelia Schwerin

Die Nachricht kam abends: „Ein großes Unglück sei geschehen“, schrieb unsere Kita-Leiterin, die Mutter eines vierjährigen Kindes aus unserer Kita sei gestorben. Die Kita hätte sich auf diesen Tag gut vorbereitet und in vielen Gesprächen einen Weg gesucht, das Undenkbare nun den Kindern zu sagen und besonders das betroffene Kind gut im Blick zu haben.

Es folgten einfühlsame Worte unserer Kita, dazu freundliche Ermahnungen an die Eltern, dieses und jenes nicht zu tun und bei elterlichen wie kindlichen Fragen das Gespräch zu suchen.

Unser Vierjähriger fragte erstmal gar nichts. Manchmal erfuhren wir ein Detail: Beim Morgenkreis gab es eine Kerze für die verstorbene Mutter, im Gruppenraum ein Bild, zur Traumstunde ein Kinderbuch über das Sterben. Eine Woche nach der Beerdigung besuchten alle Kinder das Grab auf dem Friedhof - Kerzen, Blumen, ein Kreuz, ein Lied. Für die Kleinen begann die Schule des Lebens auf dem Kirchhof - umspielt vom Lärm in der Mitte Berlins.

Die Blätter fielen, auf dem Helmholtzplatz türmte sich Laub. Sorgsam schichtete unser Sohn das Laub um. Ein Grab müsse her, erklärte er den verdutzten Kindern. Es sei jemand gestorben. Schnell sorgten die Eltern fürs Verschwinden. Zwei Äste wurden zum Kreuz umfunktioniert, herbstlich welke Blumen gefunden – nur woher eine Kerzen nehmen?

„Mama, was mache ich eigentlich, wenn Du tot bist?“ Diese Frage schreckte die halbe Straßenbahn wach. Während ich noch über eine Antwort sinniere, die nächste Frage: „Wo kriege ich dann eigentlich wieder eine so fröhliche Mama her“, philosophierte der Vierjähriger laut vor sich hin. Er weiß sich zu helfen, denke ich, eine neue Mama muss her.

„Das wird ganz schön schwierig“, konstatiert er. Pause. Nachdenken, ich-hab-die-Lösung-Gesicht: „Kann man eine neue Mama kaufen?“ Bevor ich diese Idee beantworten muss, verlassen wir die Straßenbahn. Aufs Laufrad schwingen und Tempo machen – Themenwechsel.

Wie gut er sich zu helfen weiß, denke ich getröstet. Bin ich ersetzbar, bange ich erschrocken.

Foto: K. U. Haessler / fotolia