Gekommen, um zu bleiben?

Veröffentlicht am Mi., 7. Okt. 2015 10:31 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Cornelia Schwerin

Als ich am 21. August 1988 am Bahnhof Zoologischer Garten dem Interzonenzug entstieg, war ich an Orten gewesen, von denen ich nicht zu hoffen gewagt hatte, sie kennenzulernen: Ich sah Hamburg, schipperte den Rhein und bestieg die Alpen, hatte Verwandte wieder getroffen, mit Freunden telefoniert, nächtelang Zeitungen gelesen. Vierzehn Tage Ausnahmezustand mit einer Reiseerlaubnis zum 100. Geburtstag meiner Großtante ins „nichtsozialistischen Ausland“ lagern hinter mir.

Der besorgte Blick meiner Tante, den von den DDR-Behörden im Visum verordneten Grenzübergang im Norden zu ignorieren und dafür nach West-Berlin zu resien entging mir nicht. Sie war ausgereist und fand das Experiment für eine 19 Jährige zu gefährlich. Die Großtante aber riet: „Frühstücken gehst Du am besten  im Kranzler“,  gab mir Deo und Geld. Ich nahm den Interzonen-Nachtzug nach Berlin-West.

Ahnte jemand meine Gedanken? War ich gekommen, um in West-Berlin zu bleiben? Angekommen und geblieben waren vor mir hier viele: Schwaben auf der Flucht vor heimischer Enge, türkische Einwanderer, pazifistische Wehrdienstverweigerer, Aussiedler, Flüchtlinge aus dem Osten. Die kürzlich ausgereisten Freunde würden mich fröhlich empfangen, ihre Adresse hatte ich selbstverständlich - im Kopf. Könnte ich hier glücklich werden?

Der Tag würde es entscheiden.  

Ich befand mich im Labor West-Berlin und das Kranzler ließ ich bleiben. Ich schlenderte über den Flohmarkt im Tiergarten, kaufte mir eine Weltgeschichte der Philosophie, die mich um drei Kilo beschwerte. Ich bestieg die Goldelse und schaute gen Osten. Was sah ich? Eine Prachtstraße, getrennt durch ein Mauerwerk.

Mittags ruhte ich im Tiergarten und hörte die Affen brüllen. War das wahr - träumte ich?

Ich suchte den Reichstag, durchlief das Charlottenburger Schloss, fuhr an die Mauer, die auf der Rückseite verdammt bunt aussah, suchte den Check Point Charlie, und saß abends erschöpft zwischen Punks vor den  Ruinen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche beim Bier und lauschte den Straßenmusikanten. Was ich fühlte? 

Ich war gekommen, um zu reisen. Kurz vor Mitternacht bestieg ich die S-Bahn, schleuste mich durch die Kontrollen, beantworte die Fragen nach dem für mich nicht vorgesehenen Grenzübergang gleichgültig. Man ließ mich gehen. Ich bestieg die S-Bahn und fuhr nach Hause. Die Bilder der einen Welt im Kopf, durchlief ich Berlin auf der anderen Seite. Ich war eine Reisende geblieben. Warum? Ich hatte keine Antwort.

Ein Jahr später: Sommer 1989. Das Hoffen und Bangen: Die Sorge um Verhaftete und die Trauer um ausgereiste Freunde. Die Mahnwachen,  die heimlich geklebten Aufrufe und unsere Demonstrationen und wöchentlichen Rufe vor dem Stasi-Gebäude. Der große Aufbruch, bei dem so viele Menschen mutig und mündig wurden  - ich möchte die Zeit nicht missen und in diesem Moment wusste ich, dass die Rückreise für mich richtig gewesen war.

Foto: Arne Hückelheim / wikimedia.common