Berlin, wo glaubst du? Auf dem Friedhof.

Veröffentlicht am Do., 12. Nov. 2015 09:51 Uhr
THEOLOGIE DER STADT

Von Ulrike Trautwein

Für mich liegt ein wichtiger Berliner Glaubensort auf einem der unzähligen Friedhöfe dieser Stadt. Um dorthin zu kommen, nehme ich die Ringbahn bis zur Hermannstraße in Neukölln. Ich laufe die turbulente Straße entlang an und bin jedes Mal fasziniert davon, dass ausgerechnet hier, mitten im bunten Leben so viele Friedhöfe liegen. „Typisch Berlin!“ denke ich - „hier stoßen die unterschiedlichsten Welten aufeinander“. Dann biege ich durch ein altesTor ein zum Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde und lasse den Straßenlärm hinter mir. Große Bäume stehen hier wie stumme Zeitzeugen.

Weit hinten auf dem Friedhof, Richtung Tempelhofer Feld, war früher das "Friedhofslager", das einzige bekannte kirchliche Zwangsarbeiterlager in Deutschland. Jahrelang war das Gelände unter Müll begraben. Inzwischen ist es freigeräumt und in den vergangenen zwei Sommern haben dort Erkundungsgrabungen stattgefunden. Daher haben wir jetzt ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie das mal hier ausgesehen hat. Und nun planen wir mit vielen Engagierten daraus einen Erinnerungsort zu machen.

Für mich misst sich hier die Glaubwürdigkeit meiner Kirche. Es ist schrecklich, sich das vorzustellen: Zwischen 1942 und 45 lebten hier bis zu 100 Menschen, vor allem viele Jugendliche, die von zuhause, zum Beispiel aus der Ukraine oder Weißrussland verschleppt worden waren. Jetzt mussten sie hier auf kirchlichen Friedhöfen unter unwürdigen Bedingungen schwer arbeiten. Beschämend ist es, dass sich über 40 Berliner Kirchengemeinden in diesem Lager an dem rücksichtlosen Menschen-Missbrauch beteiligt haben.

Ich komme heute immer wieder an diesen Ort. Ich will mich erinnern, was hier passiert ist. Damit zeige ich den Menschen, die hier Schweres erlebt haben, meinen Respekt. Außerdem bleibt hier für mich wach, dass so etwas möglich war und wir damit verbunden bleiben. Schließlich ist das alles nicht auf einem fremden Stern passiert, sondern mitten in unserer Stadt.

Heute hat jede Gemeinde, die sich damals am Lager beteiligt hat, einen schwarzen Stein, auf dem ihr Namen steht. Am Volkstrauertag bringen Menschen aus den Gemeinden diese Steine mit und legen sie auf den großen Gedenkstein, der auf dem Friedhof steht. Zum Zeichen, dass wir uns weiter verbunden wissen mit dieser Schuld. Das Ritual dauert jedes Mal eine ganze Zeit und zwischendrin wirkt manches unbeholfen. Trotzdem ist es ein starker Moment. Und ich bin froh, dass in jedem Jahr mindesten achtzig Menschen dazu zusammen kommen. Gut ist vor allem, dass dieses Gedenken mitgestaltet wird von Jugendlichen der Evangelischen Schule Neukölln. So jung wie diese Jugendlichen waren die Zwangsarbeiter zum Teil ja damals auch.

Nach dem Gedenken werden die schwarzen Steine wieder in die Gemeinden mitgenommen. Dort erinnern sie dann übers Jahr den einen oder die andere.

Nach meinem Besuch auf dem Friedhof laufe ich wieder die Hermannstraße entlang und steige in die Ringbahn. Ich denke daran, dass auch die Lagerinsassen zu den verschiedenen Berliner Friedhöfen, auf denen sie arbeiten mussten, mit der Ringbahn fuhren. Ein blauer Aufnäher auf ihren Jacken stigmatisierte sie als Zwangsarbeiter.

Ich hoffe inständig, dass unsere Orte des Glaubens immer auch Orte gegen Ausgrenzung sind.

Mehr Informationen zum Zwangsarbeiterlager.

Berlin, wo glaubst du?
Orte zwischen Lärm und Idylle, Klassik oder Punk: In diesem Blog schreiben geborene und gefühlte Berlinerinnen und Berliner über das, was zwischen Himmel und Straße liegt, die kleinen und großen Fragen des Lebens in einer Großstadt. Wir versprechen Ihnen einen Kiez-Blick, der Ihre Sinnfragen auf eine Reise quer durch Berlin schickt. Reisen Sie mit?