22/06/2026 0 Kommentare
„Der unheimlichste Moment ist für mich um 20:02 Uhr“
„Der unheimlichste Moment ist für mich um 20:02 Uhr“
# WAS BEWEGT BERLIN?

„Der unheimlichste Moment ist für mich um 20:02 Uhr“
Am 19. Dezember diesen Jahres jährt sich der islamistische Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zum zehnten Mal. Notfall-Seelsorger*innen betreuten damals und helfen bis den körperlich und seelisch verletzten Menschen.
Ein Leben nach dem Anschlag
Kevin Möschle und Martina Steffen-Eliş erinnern sich.
„Berlin ist meine Stadt“, sagt Kevin Möschle, „hier bin ich geboren“. Berlin wird am 19. Dezember 2016 zum Ort, wo sein bisheriges Leben komplett zerbricht. Ein islamistischer Attentäter fährt mit einem Sattelschlepper über den Weihnachtsmarkt. Kevin Möschle ist mittendrin.
„‘Warum bist Du nicht auf dem Breitscheidplatz?‘, fragte mich mein Sohn, als er in den sozialen Medien Bilder vom Ort sah“, erzählt Pfarrerin Martina Steffen-Eliş. „So kam ich als eine der ersten Notfallseelsorger*innen an den Ort“. Im Hotel Waldorf-Astoria direkt gegenüber vom Anschlagort war eine gesamte Etage freigegeben: „Verletzte, traumatisierte Menschen, Augenzeugen der Terrorattacke und suchende Angehörige – hier haben wir die Menschen rund um die Uhr betreut“, erinnert sich die Notfallseelsorgerin.
Die Erinnerung überschattet für Kevin alles. „Es ging in Sekunden, ich hörte einen Knall, drehte mich um, sah ein schwarzes Monster auf mich zurasen“, erinnert sich Kevin. Danach Totenstille. In seiner Erinnerung war alles schwarz. Der von einem islamistischen Terroristen gesteuerte Sattelzug entschied über Leben und Tod. Wer konnte, lief weg. Leicht verletzte Menschen rannten ins nahe gelegene Franziskus-Krankenhaus oder nach Hause. Der Schock reißt Erinnerungslücken. Kevin‘s Leben hatte sich um 360 Grad gedreht.
Islamistische Anschläge hatte es in Brüssel und Paris schon gegeben. Berlin traf der Anschlag unvorbereitet. Es brauchte Zeit, bis die Berliner*innen begriffen: Das war Terror - kein Unfall. „Als der Sattelschlepper gegen 20 Uhr auf den Markt zuraste, waren viele Menschen auf dem Breitscheidplatz“, sagt Kevin. Beim ersten Aufprall mit den Weihnachtshütten schaltete sich das automatische Bremssystem ein und brachte den Sattelschlepper nach 80 Metern zum Stehen. 13 Menschen starben sofort oder in Folge des Attentats, 67 wurden sehr schwer verletzt. „Für das, was da passiert ist, hatten wir großes Glück“, sagt Kevin Möschle. Doch Kevin‘s Körper und Seele leiden bis heute.
„Anders als bei anderen Notfällen, wo wir nur beim konkreten Ereignis betreuen, haben wir Notfallseelsorger*innen gespürt: Die Betroffenen brauchen weiter dringend Hilfe“, erinnert sich Martina Steffen-Eliş. Berlin hatte noch keinen Opferbeauftragten. Viele Verletzte mussten sich den Behörden erklären, Hilfen beantragen und bürokratische Hürden überwinden. Soforthilfe nach einem Anschlag, wie in anderen europäischen Ländern üblich, gab es nicht.
„Die Betroffenen haben allein gekämpft, die körperlichen und seelischen Erkrankungen als eine Folge des Anschlages zu verstehen“, berichtet Martina Steffen-Eliş. Sie hat Kevin zu Ämtern begleitet, unterstützt ihn durch regelmäßige Gespräche. Auch für eine Brandenburger Familie, die bei diesem Anschlag ihren Sohn und Bruder verloren hat, ist sie seit damals eine wichtige Vertrauensperson. „Viele Menschen sind körperlich und seelisch krank geworden. Das Leben mit dem Attentat ist eine Odyssee“ beobachtet die Seelsorgerin.
Betroffene und Familienangehörige gründeten den Verein VoT Germany - ‘Victims of Terrorism’. Der Verein will die Rechte der Opfer und Überlebenden von Terroranschlägen stärken, Hilfe geben und die Erinnerung wachhalten. Sie haben sich weltweit mit anderen Opfern von Terroranschlägen vernetzt. Der Terror hat ihre Leben komplett verändert.
„Es gibt Tage, da läuft das Leben gut - und Tage, wo man förmlich explodiert“ sagt Kevin Möschle. Das Signal des Rettungswagens, ein Unglück oder die Nachricht über die Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt – für ihn gibt es viele Trigger, die in ihm die Bilder des Anschlags auslösen.
Ein Leben nach dem Anschlag
Seit Jahren besucht Kevin den Breitscheidplatz regelmäßig. „Der goldene Riss“, ein sieben Meter langer in den Boden eingelassener Riss, endet an der Treppe der Gedächtniskirche. Dort sind auch die Namen der 13 Opfer eingraviert. Kevin kümmert sich um den Ort, schaut nach den Inschriften und dem Riss. Früher lagen dort Blumen. Doch es kam immer wieder zu Straftaten - Diebstahl, Sachbeschädigung und Störung der Totenruhe. Ein beschämender Anblick.
„Ungepflegt“ nennt Martina Steffen-Eliş den Gedenkort. Der Riss sei zwar noch sichtbar, aber die an den Stufen angebrachten Namen der Toten sind verwittert. Kein Schild erinnert an den Anschlag, keine Blumen – Touristen und Einheimische gehen achtlos vorbei. Eine Schande sei das, sagt Kevin Möschle, würdevolle Erinnerung sehe anders aus.
„Auch wenn der Senat sich in Zukunft aus dem öffentlichen Gedenken zurückziehen möchte, ist Berlin mit diesem Anschlag noch nicht fertig“, glaubt die Notfallseelsorgerin. Als sie bei einer Fahrt am 19. Dezember den Breitscheidplatz als Ziel nannte, fing der Taxifahrer an zu weinen: Auch er war damals Augenzeuge gewesen und konnte seitdem nicht mehr am Ort des Geschehens vorbeifahren. Ein Beispiel von vielen Betroffenen sei er, sagt Martina Steffen-Eliş, die bisher keine Hilfe erfuhren.
Hätte der Anschlag verhindert werden können? Diese Frage quält Kevin wie viele andere Betroffene. Warum war der Markt völlig ungesichert, obwohl es schon mehrere islamistische Anschläge in Europa gab? Zudem sei Berlin vor dem Islamisten und späteren Täter Amri gewarnt worden. Aufklärung wurde versprochen. Doch sehr viel ist bis heute unklar. „Das verbittert mich“ sagt Kevin Möschle. Er leidet bis heute an den Folgen.
„Am Tag des Anschlags kommen alle Bilder wieder hoch“ sagt Kevin. Jedes Jahr treffen sich Betroffene und ihre Familien, das Seelsorgeteam, Berlinerinnen und Berliner am Ort des Geschehens. Die Hütten stehen wie damals. Der Weihnachtsmarkt ist am Abend des 19. Dezember kurz unterbrochen. „Der unheimlichste Moment ist für mich um 20:02 Uhr – der Moment des Anschlags“, sagt Kevin. Das durchlebe er jedes Jahr immer wieder. 13 Glockenschläge für die Getöteten erklingen vom Turm. Der schwerste Moment.
Der Gedenktag kostet ihn viel Kraft. An dem Tag vor Ort zu sein, das ist ihm wichtig. Er ist nicht allein: Martina Steffen-Eliş und Kevin Möschle sitzen beim Gedenkgottesdienst nebeneinander in der Kirche. Ein festes Ritual, seit sie sich kennen. Der Anschlag hat sie zusammengeführt.
Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ehrt die Seelsorger*innen Martina Steffen-Elis, Angelika Merkel, Tim Kretschmer-Schmidt, Gudrun Saf, Jürgen Röhr, Karin Richter, Norbert Verse, Daniela Birk und Stefan Bernat für ihr Engagement bei der Begleitung von Menschen, die durch den islamistischen Anschlag am Breitscheidplatz verletzt wurden oder einen Angehörigen verloren haben.
CORNELIA SCHWERIN
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