31/08/2026 0 Kommentare
„In Ostdeutschland zeigen sich viele Entwicklungen schneller und radikaler“
„In Ostdeutschland zeigen sich viele Entwicklungen schneller und radikaler“
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„In Ostdeutschland zeigen sich viele Entwicklungen schneller und radikaler“
Gastbeitrag des Historikers und Publizisten Ilko-Sascha Kowalczuk zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern.
Mein Credo aus der 89er Freiheitsrevolution lautet, nie wieder schweigen, nie wieder die eigene Wahrheit verleugnen, immer für die eigene Wahrheit, für die eigene Meinung eintreten, auch wenn das etwas einsam machen sollte. Das, was wir aktuell in unserem Land erleben, ist etwas, was mir große Sorgen bereitet, weil zu den harschen Debatten sehr viel Hass, sehr viel Gewalt hinzukommt und das ist etwas, worauf ich sehr gerne verzichten könnte.
Ich befürchte, nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern wird sich die Situation verschlimmern. Denn egal wie diese Wahlen ausgehen, die Atmosphäre wird nicht besser werden. Unsere Demokratie wird nicht weniger gefährdet sein, die Radikalisierung der Extremisten wird erst recht voranschreiten. Denn entweder gibt es in den Landtagen dann keine demokratische Opposition mehr, weil alle anderen in der Regierung sitzen. Oder die Extremisten stellen die Regierung und müssen dann für alles, was sie nicht umsetzen können, aber versprochen hatten, Schuldige benennen.
Das, was wir in Ostdeutschland seit etwa 15 Jahren beobachten können, ist ein Phänomen, was vielen vielleicht gar nicht so bewusst ist, nämlich, dass sich in Ostdeutschland viele Entwicklungen früher, schneller und radikaler zeigen als anderswo in der westlichen Welt. Aber das ist nichts Besonderes – leider passiert das fast überall so ähnlich.
Die Menschen in Ostdeutschland haben genauso Verlustängste wie die Menschen in Texas oder in Südfrankreich oder im Ruhrgebiet, aber sie unterscheidet eines: Sie haben ihren sozialen Wohlstand, das, was sie besitzen, gerade erst mit eigenen Händen erarbeitet. Sie haben das nicht ererbt, sie haben das nicht vorgefunden, wie die Gleichaltrigen im Westen, sondern sie haben das, auch mit vielen sozialen Konflikten, mit harten Transformationserfahrungen erarbeitet und das sehen sie bedroht.
Und nun stößt das alles, diese vielen Entwicklungen in den letzten 10, 15 Jahren auf eine globale Krise, deren Ausmaß wir alle noch nicht erkannt haben. Auf der einen Seite sehen wir, die Welt ist in der Hand von vielleicht 3000 Familien, die die Welt steuern und die den Reichtum der Welt verwalten. Die eigentliche Macht sind die Tech-Milliardäre, die das Informationsmonopol auf der Welt haben. Das ist eine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie. Und zugleich rollt über die Welt eine digitale Revolution, Stichwort KI, von der wir alle nicht wissen können, wohin die uns führt. Und diese Zukunftslosigkeit, die dahintersteht, von der wir alle nicht wissen, wie sieht unser Leben eigentlich im halben Jahr aus, die führt zu großen Verlustängsten und da greifen viele Menschen dann gerne nach Versprechungen. Das zentrale Versprechen der Extremisten lautet: „wir bringen euch eine Welt künftig zurück, wie sie schon einmal war.“ Zwar sind das alles Geschichtslügen, aber die stoßen bei vielen auf Resonanz, weil viele Menschen dazu neigen, „früher“ besser anzusehen als „heute“. Die wichtigsten Versprechen lauten „Sicherheit“, „Ruhe“, „Gewissheit“. Obwohl unser Leben sicherer und ruhiger geworden ist, fühlen viele Menschen das anders. Gegen Gefühle kommt keine Statistik an.
Wir leben in einem der politisch stabilsten, sozial sichersten und wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. Nicht mal fünf Prozent der Menschheit lebt so privilegiert wie wir. Und wenn wir dieses positive Grundnarrativ verinnerlicht haben, dann können wir die vielen Probleme, die es ja gibt, bewältigen. Es sind ja keine Hirngespinste, dass die Brücken zusammenbrechen, dass es eine Hyperbürokratisierung gibt, dass die Digitalisierung nicht so richtig vorankommt, dass das Gesundheits- und Bildungswesen Ungerechtigkeiten produzieren, dass wir eine Wohnungsmisere größten Ausmaßes erleben, dass wir ein Stadt-Land-Gefälle ebenso haben wie eine schreiende soziale Ungerechtigkeit.
Das können wir aber mit einem anderen Selbstbewusstsein angehen, eben nicht mit dem Ansatz der Destruktion, wie es die Faschisten machen, die sagen, wir müssen alles zerstören, sondern mit dem Bewusstsein, wir haben ein äußerst solides Fundament, auf dem können wir aufbauen und wir haben das alles schon mal geschafft. Immer wieder haben wir es in all den Jahrzehnten geschafft und wir werden auch jetzt diese Herausforderungen annehmen.
Zur Person: Ilko-Sascha Kowalczuk, 1967 in Ostberlin geboren, ist Historiker und Publizist und gilt als einer der renommiertesten deutschen Experten für die Geschichte der DDR und des Kommunismus.
Sein neustes Buch ist 2026 im C. H. Beck Verlag erschienen:
Ilko-Sascha Kowalczuk: Faschismus ist keine Meinung. STABIL BLEIBEN IN AUTORITÄREN ZEITEN. 23 Euro LINK: https://www.chbeck.de/kowalczuk-faschismus-keine-meinung/product/40691733
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